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Die Wirtschaft hat der Gesellschaft zu dienen – nicht umgekehrt

Nach einer bekannten Anekdote versucht ein Milliardär an einem karibischen Strand einen Fischer davon zu überzeugen, dass er durch mehr Arbeit, mehr Boote und mehr Angestellte mit der Zeit reich werden könnte. Der Fischer hört ihm aufmerksam zu und fragt dann: „Und was würde ich danach tun?“

Die Antwort lautet: „Du könntest dich an den Strand setzen und das Leben genießen.“

Der Fischer blickt sich um und sagt nur: „Aber genau das tue ich doch jetzt schon.“

Die Geschichte ist stark vereinfacht, wirft aber dennoch eine wichtige Frage auf: Bedeuten materieller Zuwachs und die Verbesserung der Lebensqualität wirklich dasselbe?

Ein Großteil der modernen wirtschaftlichen und politischen Debatten konzentriert sich auf das Wirtschaftswachstum. Analysten, Politiker und die Medien untersuchen regelmäßig, wie schnell das BIP eines Landes wächst, wie sich die Produktivität entwickelt oder wie sich die Wettbewerbsfähigkeit im Vergleich zu anderen Ländern verändert.

Viel seltener sprechen wir jedoch darüber, was gesellschaftliche Entwicklung eigentlich bedeutet. In der heutigen „modernen“ Welt achtet jeder (oder zumindest sehr viele Fachleute) darauf, in welchem Maße eine Wirtschaft wächst.

Diese Auffassung ist meiner Meinung nach in mehrfacher Hinsicht falsch. Einerseits, weil von Volkswirtschaften und nicht von Gesellschaften gesprochen wird; andererseits, weil von „wirtschaftlicher Entwicklung“ die Rede ist, was den wahren Zustand der Gesellschaft und das Entwicklungspotenzial der Gesellschaft selbst nicht widerspiegelt.

Lebensstandard und Lebensqualität sind nämlich nicht dasselbe.

Der Lebensstandard ist in erster Linie eine materielle Kategorie. Er lässt sich an messbarem Einkommen, Konsum, Wohnungsgröße, Energieverbrauch oder auch am BIP pro Kopf festmachen. Die Lebensqualität hingegen ist ein weitaus fassungsreicherer Begriff. Dazu gehören der Gesundheitszustand, die öffentliche Sicherheit, das gesellschaftliche Vertrauen, die Qualität familiärer Beziehungen, die Einbettung in die Gemeinschaft, das Ausmaß an Freizeit sowie die Fähigkeit des Menschen, einen Sinn im eigenen Leben zu finden.

In einer Welt des Mangels war das Wirtschaftswachstum ein äußerst wirksames Instrument zur Steigerung des menschlichen Wohlstands. In entwickelten Gesellschaften versteht es sich jedoch immer weniger von selbst, dass ein weiteres Wachstum der Wirtschaftsleistung automatisch zu einer vergleichbaren Verbesserung der Lebensqualität führt.

Das BIP bleibt daher ein wichtiger Indikator, kann aber nicht als Maßstab für den gesellschaftlichen Erfolg herangezogen werden.

Tatsächlich hat das BIP eine so zentrale Bedeutung erlangt, weil es relativ einfach zu messen, international vergleichbar und dazu geeignet ist, in kurzer Zeit ein Bild der Leistungsfähigkeit einer Wirtschaft zu vermitteln. Das ist an sich kein Problem. Das Problem beginnt dort, wo die Messgröße allmählich zum Ziel wird.

Der Ökonom Charles Goodhart hat dieses Phänomen in einem einzigen Satz auf den Punkt gebracht:

„Wenn eine Messgröße zum Ziel wird, hört sie auf, eine gute Messgröße zu sein.“

Das BIP ist also ein wichtiges Instrument, um wirtschaftliche Prozesse zu verstehen. Die Frage ist, was wir als das letztendliche Ziel betrachten.

Wirtschaftswachstum ist kein Selbstzweck. Wir streben danach, weil wir davon ausgehen, dass es zum Wohlstand der Gesellschaft beiträgt. Wenn sich jedoch die Wege von Wirtschaftswachstum und gesellschaftlichem Wohlstand trennen, wird nicht der Mangel an Wachstum, sondern die Beeinträchtigung gesellschaftlicher Ziele zum eigentlichen Problem.

Grundsätzlich gibt es zwei unterschiedliche Sichtweisen:

Der wirtschaftszentrierte Ansatz, bei dem das Wachstum des BIP das Hauptziel ist, die gesellschaftlichen Institutionen diesem dienen und der Maßstab für Erfolg in erster Linie die Wirtschaftsleistung ist. Die Rolle der Gesellschaft besteht hier im Wesentlichen darin, die Bedingungen für das Funktionieren der Wirtschaft zu sichern.

Der andere ist der gesellschaftszentrierte Ansatz: In diesem Modell ist die Gesellschaft das primäre System und die Wirtschaft eines ihrer funktionalen Teilsysteme; die Aufgabe der Wirtschaft ist es, den gesellschaftlichen Zielen zu dienen. Hier lautet die Frage nicht, wie wir das BIP steigern, sondern welche Art von Gesellschaft wir aufrechterhalten wollen und welche wirtschaftliche Funktionsweise dafür erforderlich ist. Wir wollen eine bessere Gesundheitsversorgung. Wir wollen eine bessere Bildung. Wir wünschen uns mehr Sicherheit, ein längeres und gesünderes Leben sowie eine berechenbarere Zukunft. Die Wirtschaft ist eines der Mittel, um dies zu erreichen, und kein eigenständiges Ziel.

Genau aus diesem Grund ist es meiner Meinung nach ein grundlegender Irrtum, die Gesellschaft als Umwelt der Wirtschaft zu behandeln. Ich sehe es eher umgekehrt. Die Gesellschaft ist das primäre System, und die Wirtschaft ist eines ihrer funktionalen Teilsysteme.

Neben der Wirtschaft sind Bildung, Wissenschaft, Kultur, Familie, das Rechtssystem oder auch gemeinschaftliche Institutionen ebenso wichtige Teilsysteme. Daher lässt sich der langfristige Erfolg einer Gesellschaft nicht ausschließlich über die Menge der von ihr produzierten Güter beschreiben.

Der Erfolg einer Gesellschaft hängt vielmehr davon ab, ob sie in der Lage ist, ihre eigene Funktionsfähigkeit, ihre soziale Stabilität und die Lebensqualität ihrer Mitglieder langfristig aufrechtzuerhalten.

Bereits Aristoteles unterschied zwischen Wohlstand und dem guten Leben. Unter den modernen Denkern stellte Amartya Sen Folgendes fest: „Wohlstand ist nur ein Mittel: Ein Fahrrad (ein Mittel) an sich ist wertlos, wenn sein Besitzer sich damit nicht fortbewegen kann (etwa weil er keine Beine hat oder es keine Straßen gibt). Der wahre Wohlstand ist die Freiheit – der Maßstab für Wohlstand ist das Ausmaß an Freiheit, das ein Individuum hat, um ein Leben zu führen, das es als wertvoll erachtet. Reichtum zählt nur insofern, als er diese realen Möglichkeiten erweitert.“

Martha Nussbaum wiederum definierte den Begriff des Wohlergehens in zehn Punkten. Auch sie machten also darauf aufmerksam, dass die Qualität des menschlichen Lebens nicht ausschließlich mit wirtschaftlichen Kennzahlen beschrieben werden kann.

In diesem Ansatz erscheint auch der Begriff der Wettbewerbsfähigkeit in einem neuen Licht.

Die meisten Rankings zur Wettbewerbsfähigkeit messen Wirtschaftsleistung, Produktivität, Infrastruktur, Innovation oder das Geschäftsumfeld. Dies sind wichtige Faktoren, aber sie sagen nicht unbedingt viel darüber aus, wie es ist, in einer bestimmten Gesellschaft zu leben.

Schließlich kann es für eine Gesellschaft Ziele geben, die wichtiger sind als das Wirtschaftswachstum:

– Stabilität,

– Sicherheit,

– kulturelle Kontinuität,

– sozialer Zusammenhalt,

– Lebensqualität,

– Nachhaltigkeit.

Einige dieser Aspekte tauchen in den klassischen Wirtschaftsindikatoren kaum oder gar nicht auf.

Im Zusammenhang mit der Qualität von Gesellschaften habe ich vor langer Zeit in einer Universitätsvorlesung einen Gedanken gehört, der mir seitdem immer wieder durch den Kopf geht. Der Referent wies darauf hin, dass in vielen kleinen, traditionellen Gemeinschaften fast jeder Mensch eine Rolle und eine Aufgabe findet, unabhängig davon, wie stark er durch sein Alter, seinen körperlichen Zustand oder seine Fähigkeiten eingeschränkt ist.

Die Mitglieder der Gemeinschaft bleiben so nicht bloß passive Leistungsempfänger, sondern aktive Teilnehmer der Gemeinschaft. Das ist keine wirtschaftliche Frage, sondern eine Frage der Menschenwürde – das Gefühl zu haben, ein nützliches, geschätztes und gebrauchtes Mitglied der Gemeinschaft zu sein.

Vielleicht besteht eine der wichtigsten Herausforderungen moderner Gesellschaften auch nicht darin, für jeden das gleiche Ergebnis zu garantieren, sondern für jeden reale Möglichkeiten zu schaffen. Der Mensch ist nämlich nicht nur ein Konsument oder eine Arbeitskraft, sondern ein Gemeinschaftswesen.

Wenn er das Gefühl verliert, mit seiner Arbeit, seinem Wissen oder seiner bloßen Anwesenheit zu einem größeren Ganzen beizutragen, das über ihn hinausgeht, reicht materieller Wohlstand allein oft nicht aus, um die Lebensqualität aufrechtzuerhalten.

Nebenbei bemerkt: Aus diesem Grund stimme ich der Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens für alle Bürger nicht zu. Dies vermittelt nichts anderes als die Botschaft: „Wir brauchen dich nicht, aber wir lassen dich leben (vegetieren).“

Und dabei habe ich die ökologischen Aspekte noch gar nicht erwähnt.

Eine Sichtweise, die ausschließlich auf Wachstum aufbaut, neigt dazu, die Frage zu ignorieren, welche Ressourcenkosten mit diesem Wachstum verbunden sind. Der langfristige Erfolg einer Gesellschaft kann wohl kaum so verstanden werden, dass sie gleichzeitig die Grundlagen ihrer eigenen natürlichen Umwelt vernichtet.

Der Ansatz, der sich rein auf wirtschaftliche Indikatoren stützt, birgt noch ein weiteres Problem. Wenn Wachstum zum Selbstzweck wird, können jene Aspekte leicht in den Hintergrund gedrängt werden, die das langfristige Überleben der Gesellschaft selbst sichern.

Produktion und Konsum einer Wirtschaft sind fast immer mit Ressourcenverbrauch verbunden. Wenn wir ausschließlich das Wachstum der Wirtschaftsleistung als Erfolg werten, kann es leicht passieren, dass wir dabei jene natürlichen und gesellschaftlichen Ressourcen aufzehren, die auch zukünftige Generationen benötigen würden.

Es wäre ein seltsames Paradoxon, wenn eine Gesellschaft sich über die Verbesserung der Wirtschaftskennzahlen freut, während sie ihre eigene Umwelt schrittweise unbewohnbar macht. Wer möchte schon in einem Land leben, das an der Spitze der Wettbewerbsfähigkeitsrankings steht, während sich seine natürliche Umwelt verschlechtert, die Lebensqualität sinkt und die Zukunft immer ungewisser wird?

Vielleicht müssen wir nicht in erster Linie den Begriff des Wirtschaftswachstums überdenken, sondern die Art und Weise, wie wir den Erfolg von Gesellschaften messen. Das BIP, Wettbewerbsfähigkeitsindizes und andere Wirtschaftsindikatoren können nützliche Instrumente sein – aber nur, wenn wir sie nicht mit dem eigentlichen Ziel verwechseln. Der wahre Zustand einer Gesellschaft wird nämlich nicht nur durch wirtschaftliche Kennzahlen beschrieben, sondern durch ihre Fähigkeit, ihren Mitgliedern langfristig Würde, Sicherheit, gesellschaftliche Teilhabe, eine gesunde Umwelt und Lebensqualität zu garantieren.

Letztendlich ist die entscheidende Frage also nicht, um wie viel Prozent eine Wirtschaft pro Jahr wächst. Viel wichtiger ist es zu verstehen, welchen gesellschaftlichen Zielen dieses Wachstum dient. Die Wirtschaft existiert nämlich nicht um ihrer selbst willen; sie existiert, um für die Menschen eine lebenswertere, stabilere, nachhaltigere und menschlichere Gesellschaft zu schaffen.

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