Von der Marxschen Theorie zu den Systemen des 21. Jahrhunderts
Oder: Was aus einer Idee geworden ist, wie sie degenerierte
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Vor einigen Jahrzehnten fand der Sohn meines Freundes Misha bei mir einen Anstecker, der den Kopf eines Orang-Utans abbildete. Er sah ihn an und sagte: "Karlo Marlo." Wir brachen in Gelächter aus.
Das Kind, damals 3 oder 4 Jahre alt, sah dies in dem Bild – zweifellos beeinflusst durch sein familiäres Umfeld. Für ihn konnte ein haariger Kopf, ähnlich dem, den er zu Hause auf einigen Buchumschlägen gesehen hatte, niemand anderes sein als Karl Marx.
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Ich rufe mir diese Erinnerung oft ins Gedächtnis, und mit ihr einen Gedanken, der mich seit Jahrzehnten beschäftigt: Wie lassen sich Marxismus oder Kommunismus definieren? Warum ist Marx’ Idee im allgemeinen Sprachgebrauch der Welt zu einem "Karlo Marlo" geworden? Wozu sind wir gekommen – wir, die Menschheit! So wie ich es sehe, sind wir auf dem Niveau eines vierjährigen Kindes angekommen – hurra!
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Kürzlich, als ich im Internet auf Bertrand Russells Essay "Scylla und Charybdis oder Kommunismus und Faschismus" stieß, kam mir die Geschichte von Mishas Sohn wieder in den Sinn, und ich beschloss, meine Gedanken zu diesem Thema zu sammeln.
Hier sind sie!
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Ausgangspunkt: Karl Marx’ Theorie
Karl Marx hat keine funktionierende Staatstheorie ausgearbeitet, noch hat er ein "Handbuch des Kommunismus" geschrieben. Was er lieferte, war eine Geschichtsphilosophie und eine ökonomische Analyse, kein Ausführungsprogramm.
Der Fokus seiner Analyse lag auf den inneren Widersprüchen des Kapitalismus: Klassenkampf, Kapitalakkumulation, Ausbeutung und die historische Bestimmtheit der Produktionsverhältnisse. Darüber hinaus skizzierte Marx einen normativen Endzustand: eine klassenlose Gesellschaft, das Absterben des Staates (nicht dessen Stärkung) und das Gemeineigentum an den Produktionsmitteln.
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Was Marx nicht definierte: eine detaillierte Beschreibung eines politischen Übergangssystems, einen Parteienstaat, eine Geheimpolizei, ein Einparteiensystem oder ein praktisches Modell für eine Planwirtschaft. Für Marx erscheint der "Kommunismus" als historische Tendenz, nicht als Ausführungsbefehl, da die dialektische Theorie ein offener Denkrahmen ist, der kritisch ist und über sich selbst hinausweist.
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Ergänzung zum oben Gesagten: Das Kommunistische Manifest (und Missverständnisse diesbezüglich)
Eines der häufigsten Missverständnisse in Bezug auf den Marxismus rührt daher, dass viele den Text des Kommunistischen Manifests für Marx’ politisches "Hauptwerk" halten, und manche Interpretationen lesen es sogar als Aufruf zur Diktatur oder zur gewaltsamen Machtausübung.
Diese Interpretation ist historisch und gattungsmäßig ungenau. Erstens: Das Kommunistische Manifest ist kein theoretisches Hauptwerk, sondern ein politisches Pamphlet. Schon der Titel weist auf das Genre hin: ein Manifest, dessen Ziel nicht die theoretische Detaillierung, sondern die politische Mobilisierung ist. Seine Rhetorik ist bewusst kantig, vereinfachend und provokativ, da es in einem spezifischen historischen Moment (während der revolutionären Welle von 1848) entstand und der Selbstdefinition einer damals marginalen Bewegung diente.
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Der Schwerpunkt von Marx’ theoretischer Arbeit liegt nicht hier, sondern in Werken wie Das Kapital, den Ökonomisch-philosophischen Manuskripten oder Die deutsche Ideologie. In diesen erscheint das dialektische, analytische Denken, das Marx’ wahren Beitrag zur Sozialtheorie darstellt. Das Manifest hingegen ist keine Staatstheorie, kein Regierungsplan und sicherlich keine detaillierte Beschreibung einer diktatorischen Einrichtung.
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Zweitens: Das Kommunistische Manifest ist nicht ausschließlich Marx’ Werk. Er verfasste den Text gemeinsam mit Friedrich Engels, und in mehreren Elementen stützt er sich spezifisch auf Engels’ Vorarbeiten. Engels’ Beitrag zu Marx’ Gesamtwerk war nicht bloße Ko-Autorschaft, sondern von struktureller Bedeutung: Er brachte empirische Erfahrungen bezüglich des Industriekapitalismus ein (Die Lage der arbeitenden Klasse in England), unterstützte Marx’ Arbeit finanziell und ermöglichte so dessen theoretische Vertiefung, und zahlreiche konzeptionelle und stilistische Elemente (insbesondere der journalistische Ton des Manifests) lassen sich auf Engels zurückführen.
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Es ist wichtig zu betonen: Weder Marx noch Engels entwickelten ein detailliertes diktatorisches Staatsmodell. Das spätere Konzept der "Diktatur des Proletariats" war für Marx eine vorübergehende, historische Kategorie, kein normatives Ideal und sicherlich nicht identisch mit der Parteienstaatsdiktatur, die im 20. Jahrhundert in Marx’ Namen errichtet wurde.
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Zusammenfassend: Das Kommunistische Manifest ruft nicht zur Diktatur auf, sondern verdichtet die Essenz einer geschichtsphilosophischen Diagnose in politische Sprache. Die diktatorische Praxis folgte nicht aus diesem Text, sondern aus späteren politischen Neuinterpretationen, die den Marxismus von einer Theorie in eine Machttechnologie verwandelten. Diese Unterscheidung ist fundamental, um Marx’ Denken von dem zu trennen, was später in seinem Namen begangen wurde.
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Die Wende: Lenin (Wladimir Iljitsch Uljanow)
Lenin transformierte Marx’ Theorie in ein politisch-technisches Programm. Dies war keine bloße Abbildung, sondern eine radikale Neuinterpretation.
Die entscheidenden Unterschiede:
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Vorhuttheorie: Marx visionierte die Selbstbefreiung des Proletariats; Lenin visionierte eine schmale, disziplinierte Parteielite, die die Massen führt.
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Die Rolle des Staates: Marx visionierte das Absterben des Staates; Lenin visionierte die Stärkung des Staates als revolutionäres Werkzeug.
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Bedingungen für die Revolution: Marx sah sie im entwickelten Kapitalismus (Westeuropa); Lenin sah sie auch in einem rückständigen Agrarland als machbar an.
Damit ist der Marxismus-Leninismus geboren, der eine eigenständige Ideologie ist, keine Fortsetzung von Marx’ Lehre.
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Das Sowjetsystem: Politische Praxis
Die spätere sowjetische Führung – insbesondere Stalin – instrumentalisierte "marxistische" Konzepte weiter. Die Machttechnik (Parteienstaat, Terror, Planwirtschaft) brach endgültig mit dem Marxschen Endziel. In diesem System war "Kommunismus" eine Legitimationssprache, eine ideologische Deckgeschichte, kein Emanzipationsprojekt. Das System wurde zu einer sich selbst erhaltenden Bürokratie.
Zusammenfassung: Der historische Kommunismus ist keine direkte Abbildung von Marx’ Theorie, sondern eine leninistische Konstruktion, die Marxsche Thesen nutzte, sie aber einer Logik politischer Macht unterordnete. Marx schrieb Theorie. Lenin machte daraus Machttechnologie. Das Sowjetsystem sprach Marx’ Sprache, folgte aber nicht Marx’ Zielen.
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Bertrand Russell und die These vom "Kommunismus als Religion"
In seinen Werken The Practice and Theory of Bolshevism und Scylla und Charybdis oder Kommunismus und Faschismus analysiert Russell detailliert die Kommunistische Partei der Sowjetunion als eine "Kirche", Marx’ Schriften als unantastbare Offenbarungen und das Fehlen kritischen Denkens unter den Gläubigen. Er vermischte jedoch die Marxsche Ideenwelt mit der damals entwickelten sowjetischen Ideologie.
Bertrand Russells Kritik am Totalitarismus war früh und scharf, doch seine spezifische Analogie bezüglich des Kommunismus erwies sich als konzeptioneller Fehler mit langfristigen Folgen. (Natürlich ist eine Analyse des Faschismus nicht Teil dieses Textes, da das Thema meines Schreibens der als Marke genutzte Kommunismus/das kommunistische Label ist.)
Laut Bertrand Russell baut der Kommunismus auf Dogmen auf, verkündet unantastbare Wahrheiten, trennt Ketzer und Gläubige, schreibt seinen eigenen Anhängern moralische Überlegenheit zu und verspricht eine Heilsgeschichte. Dies ist ein klassisches Modell einer politischen Religion.
Die Frage ist nicht, ob Russell recht hat, sondern über welchen Kommunismus wir sprechen. Im Gegensatz dazu sind Marx’ Theorie und Methode analytisch und kritisch, nicht offenbarend, nicht auf moralischen Mythen aufgebaut und berufen sich nicht auf transzendente Autorität. Für ihn ist der Kommunismus keine moralische Belohnung, sondern eine strukturelle Konsequenz. Marx war explizit antireligiös ("Religion ist das Opium des Volkes" – eine Diagnose, keine Propaganda).
Schlussfolgerung: Russells Kritik ist überzogen, wenn sie auf Marx’ ursprüngliche Theorie angewandt wird.
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Die Lenin-Sowjet-Praxis in Russells Modell
Hier trifft Russells Behauptung mit völliger Genauigkeit zu.
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Religiöses Element -> Sowjetisches Äquivalent
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Heiliger Text -> Kanonisierte Schriften von Marx–Engels–Lenin
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Priesterschaft -> Parteiführung, Ideologen
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Ketzerei -> Abweichung von der Parteilinie
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Inquisition -> Säuberungen, Gulag
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Heilsgeschichte -> Das Kommen des Kommunismus
In diesem System ist der Irrtum keine Angelegenheit für Korrektur, sondern eine Sünde. Moralische Wahrheit ist nicht diskutierbar, sondern designiert. Dies ist eine Art säkulare politische Religion.
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Gab es jemals eine kommunistische Gesellschaft im Marxschen Sinne?
Die osteuropäischen Systeme schufen weder das wahre Gemeineigentum an den Produktionsmitteln noch die Aufhebung der Klassen; ihr Betrieb war vielmehr ein bürokratisch zentralisiertes System.
Heutige "kommunistische" Systeme
Die politischen Modelle des heutigen China, Kuba und Nordkorea können als säkulare Religionen beschrieben werden; dies ist der Überlebensmechanismus von Ideologien des 21. Jahrhunderts. Eines der interessantesten Phänomene des heutigen chinesischen politischen Systems ist nicht das, was es über sich selbst behauptet, sondern was die Außenwelt über es behaupten lässt.
Obwohl das chinesische Establishment weder im Marxschen noch im stalinistischen Sinne kommunistisch ist, wird der Name "Kommunistische Partei Chinas" von westlichen Staaten, internationalen Organisationen sowie akademischen und medialen Diskursen fast reflexartig akzeptiert und selten hinterfragt. Dies ist kein intellektueller Fehler. Dies ist funktionales Schweigen.
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Das Wort "Kommunist" als politisches Werkzeug
Der strategische Wert des pejorativen Etiketts: In der westlichen politischen Sprache ist der Begriff "Kommunist" eine historisch belastete, emotional mobilisierende, vereinfachende Kategorie. Daher ist es ein hervorragendes externes Etikett. Solange China "kommunistisch" ist: muss man nicht genau beschreiben, was es tatsächlich ist, muss man sich nicht der Tatsache stellen, dass es ein effektiver autoritärer Kapitalismus ist, und muss man kein neues Konzept erschaffen. Das Etikett erlaubt intellektuelle Faulheit und ist politisch bequem.
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Äußerer Feind – Innere Ordnung: Das Bild des "kommunistischen China" ist ein brauchbares Feindbild in der westlichen Politik und ein brauchbares Identitätsbild in der chinesischen Innenpolitik. Dies ist ein seltener Zufall. Die Aufrechterhaltung des Etiketts liegt im Interesse beider Parteien; niemand würde gewinnen, wenn eine präzisere Definition geboren würde.
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Die Gefahr der begrifflichen Klärung: Was würde passieren, wenn die Wahrheit ausgesprochen würde? Wenn ein Staat oder Führer offen erklären würde: "China ist nicht kommunistisch, sondern ein autoritärer Einparteien-Kapitalismus", dann würden mehrere unangenehme Konsequenzen folgen: Die Sprache des Kalten Krieges würde zusammenbrechen (neue Konzepte wären nötig), die Leistung des Systems würde neu bewertet (nicht als ideologisches Überbleibsel, sondern als konkurrierendes Modell), und es würde dem Westen einen unangenehmen Spiegel vorhalten (warum funktioniert ein nicht-demokratischer Kapitalismus effektiv?). Daher ist Genauigkeit ein politisches Risiko.
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Chinas Interesse: Aufrechterhaltung des Missverständnisses: Für China bietet das Etikett "Kommunist" historische Legitimität (revolutionäre Kontinuität), innere Disziplinierungsmacht (Partei = Geschichte) und einen externen Einmischungsfilter (keine Notwendigkeit zu erklären). Daher widerlegt, klärt oder aktualisiert es dies nicht. Das Missverständnis ist strategische Stabilität.
Abschließende Feststellung: Kommunismus ist hier keine Ideologie mehr, sondern eine Rolle, die jeder kennt und niemand umschreiben will.
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Im Falle von Kuba war dialektisches Denken historisch präsent, ist aber mittlerweile erschöpft. Die Widersprüche (Armut, Emigration, wirtschaftliches Scheitern) sind offensichtlich, werden aber nicht zur Grundlage für theoretische oder politische Korrektur. Das System ist unfähig, sein eigenes Scheitern zu transzendieren, nur es zu erklären. Dies ist das Einfrieren der Dialektik: kein Fortschritt, keine Negation, nur Wiederholung.
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Nordkorea hat selbst im theoretischen Sinne nichts mit Marx zu tun. Es gibt keine Dialektik, keinen historischen Materialismus, keine Klassentheorie. Die Sprache des Marxismus ist vollständig verschwunden, ersetzt durch Mythologie.
Religiöses Element und sein nordkoreanisches Äquivalent:
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Gott = Kim-Dynastie
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Heiliger Text = Die Reden des Führers
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Ketzerei = Gedankenverbrechen
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Erlösung = Erlösung der Nation
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Transzendenz = Unsterblichkeit des Führers
Dies ist keine Ideologie, sondern ein totales Glaubenssystem. Es lässt sich feststellen: Je mehr das dialektische Denken verschwindet, desto mehr wird die Ideologie zur Religion. Marx’ Theorie lebt in diesen Systemen nicht weiter. Was bleibt, ist nicht Kommunismus, sondern die von Russell beschriebene politische Religion in verschiedenen Entwicklungsstadien.
Nur noch ein Gedankengang als Ergänzung zum bisher Geschriebenen. Vielleicht hätte ich damit beginnen sollen, denn die Situation in der heutigen Welt wird zunehmend deprimierender – also:
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Der Gebrauch des "Kommunismus" als moderne Waffe
​Einleitung:
Im zeitgenössischen öffentlichen Diskurs ist die Verwendung des Adjektivs "kommunistisch" weit verbreitet, doch erscheint es meist nicht als inhaltliche Definition, sondern als negative Qualifizierung. Die Funktion des Ausdrucks endet oft beim Ausdruck von Ablehnung, Verdacht oder moralischer Stigmatisierung, unabhängig davon, ob die betreffende Person, Position oder der Vorschlag irgendeine inhaltliche Verbindung zu den historischen Theorien oder Praktiken des Kommunismus hat.
In diesem Gebrauch ist "jemanden einen Kommunisten nennen" keine Analyse, sondern ein rhetorisches Werkzeug: Es erklärt nicht, sondern schließt ab; es interpretiert nicht, sondern grenzt aus.
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Dieser rhetorische Kurzschluss baut entscheidend auf der historischen Erfahrung der Praxis sowjetischen Typs und der Diktaturen des 20. Jahrhunderts auf. Die Bedeutung des Begriffs wird rückwirkend nicht durch seinen theoretischen Inhalt bestimmt, sondern durch die autoritäre Arbeitsweise der Sowjetunion und des osteuropäischen Staatssozialismus. Es ist, als wären politische Unterdrückung, die Parteienstaatsstruktur und massenhafte Rechtsverletzungen die notwendigen und ausschließlichen Folgen des "Kommunismus".
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Diese Identifizierung erklärt jedoch nicht, sondern verzerrt: Sie verwischt ideologische Theorie, historische Experimente und deren konkrete Machtpraktiken, während sie Kontext, interne Debatten und alternative Interpretationen ignoriert. Auf diese Weise wird das Etikett "Kommunist" zu einem abschreckenden Schild, das auf der Erinnerung an die Diktatur aufgebaut ist und emotionale Reflexe statt rationaler Abwägung aktiviert. Folglich verliert das Konzept seine deskriptive und analytische Funktion und verwandelt sich in ein bloßes negatives Adjektiv, das die angesprochene Partei delegitimiert, bevor die Debatte überhaupt beginnt.
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Dieses Phänomen ist keine isolierte sprachliche Verzerrung, sondern Teil einer breiteren diskursiven Strategie, in der historische Konzepte – insbesondere "Kommunismus" und "Liberalismus" – als Waffen im Dienste politischer Mobilisierung und Feindbilderschaffung operieren.
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Die begriffliche Verwirrung ist nicht neu: Marx selbst sagte einer berühmten Anekdote zufolge, als er sah, wie französische "Marxisten" seine Lehren falsch interpretierten, zu seinem Schwiegersohn Paul Lafargue: "Ce qu'il y a de certain c'est que moi, je ne suis pas marxiste" (Was sicher ist, ist, dass ich kein Marxist bin). Damit meinte er, dass der Marxismus kein dogmatisches Glaubenssystem ist, sondern eine Methode der Analyse.
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Historische Konzepte werden, wenn sie ihres Kontextes beraubt und zu moralischen Karikaturen vereinfacht werden, zu effektiven Werkzeugen für politische Mobilisierung und Feindbilderschaffung. Bertrand Russell verstärkte – ungeachtet seiner Absichten – ein Interpretationsmuster, das sich in späteren Epochen zunehmend in eine Waffe verwandelte; dieses Phänomen ist absichtliche begriffliche Sabotage. Das Ziel der Methode ist nicht Klärung, sondern die Beseitigung von Rationalität, indem Wörter von beschreibenden Werkzeugen in stigmatisierende Abzeichen verwandelt werden.
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Der Ausdruck "Kommunismus" im zeitgenössischen autoritären Diskurs ist das anschaulichste Beispiel für diese Technik, die sich in drei deutlichen Schritten entfaltet:
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Beseitigung des historischen Kontextes: Der Begriff wird systematisch von Marx’ Theorien und sozialen Zielen losgelöst. Der Fokus wird auf sowjetische Missbräuche und die Angst des Kalten Krieges gelegt. Das Konzept bezeichnet somit keine Theorie mehr, sondern eine Gefahr.
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Moralische Umcodierung: Die "kommunistische" politische Identität wird zu einem moralischen Urteil: "antinational", "irrational", "gefährlich", "unmoralisch". In dieser Logik identifiziert Kritik keinen Fehler, sondern moralische Abweichung.
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Gebrauch als diskursive Waffe: Das Ziel ist nicht mehr die Debatte abweichender Standpunkte, sondern die Verweigerung einer legitimen Debatte. Der gelabelte Akteur wird außerhalb der politischen Gemeinschaft gestellt: Seine Ansichten sind nicht bloß fehlerhaft, sondern von Ursprung her illegitim.
Zusammenfassung:
Basierend auf dem Obenstehenden lässt sich feststellen, dass Politiker und Meinungsführer im heutigen extrem polarisierten politischen Umfeld einst gewichtige Konzepte als stigmatisierende Phrasen verwenden. Wer nicht über ausreichendes Hintergrundwissen verfügt, verliert sich leicht in diesem Krieg der Worte und schenkt falschen Behauptungen Glauben.
Ich hoffe, dass viele das Geschriebene richtig interpretieren können und diese Perspektiven, indem sie sie in ihr Denken integrieren, weitergeben.
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Schließlich, da ich ein Befürworter des dialektischen Denkens bin – und mir bewusst bin, dass es keine absolute Wahrheit gibt –, begrüße ich die Beobachtungen jedes zweifelnden Lesers, der eine Gegenmeinung formuliert.
